Kein Rauskommen mit Technik von Siemens

Wie Ableismus in Politik und Bahnvorstand das Bahnfahren für Reisende mit Behinderung immer wieder zur Odyssee werden lässt. Und stumpfe Technikgläubigkeit inklusives Reisen vereitelt. 

Dieser Beschwerdebrief wurde Barrierefreie Bahn zur Veröffentlichung übermittelt. Er wurde von uns anonymisiert.

Für Schnellleser*innen: Was alles so schiefgehen kann mit der Deutschen Bahn. Wohlgemerkt: alles in einer einzigen Reise… Und alles trotz Voranmeldung. Denn eine 24-stündige Voranmeldung bei der sogenannten Mobilitätszentrale (MSZ) verlangt die Bahn von Reisenden mit Behinderung – damit Dinge vorbereitet werden können und “reibungslos” verlaufen. Das allein ist eine Diskriminierung, aber lest selbst über das strukturelle Versagen von MSZ und Deutscher Bahn am Beispiel einer einzigen Reise. Hier der Überblick:

  • Am Bahnhof ankommen, aber Zugverkehr findet nicht statt (MSZ informiert Reisende nicht)
  • WC im ICE defekt (das einzige barrierefreie…)
  • Laut Zugchef war das WC schon auf vorherigen Fahrten defekt eingesetzt worden…
  • Wegen der Umdisponierung kann Zielort in Berlin Spandau nicht mehr zu einer Zeit erreicht werden, zu der noch Leute von der MSZ arbeiten; länger da bleiben, um Reisende mit Behinderung zu helfen, wollen sie auf Nachfrage nicht
  • Zugchef mutig und will fahrzeuggebundene Einstiegshilfe nutzen (eigentlich verboten, denn die Technik von Siemens verursacht –  wie die Erfahrung zeigt – Probleme bis hin zum Zugstillstand) 
  • Einstiegshilfe kommt zum Einsatz und verursacht mächtig Ärger
  • Ausstieg für Rollstuhlnutzerin erfolgt dann per Hebebühne (obwohl der Bahnvorstand die Nutzung für Zugpersonal verbietet…)

Liebe Bahnmenschen,

nun haben Sie lange nichts mehr von mir gehört, weil ich wegen Corona lange nicht mehr Bahn, sondern nur noch Auto gefahren bin.

Jetzt habe ich es wieder gewagt, auch da es seit Kurzem durchgehende Verbindungen von Berlin nach Bonn gibt, wo meine Mutter lebt. Über die Mobilitätszentrale habe ich Hin- und Rückfahrt von und nach Berlin-Spandau gebucht. Auf der Hinfahrt am 29. Januar ging auch alles gut.

Zug fällt aus, doch MSZ sagt nicht Bescheid

Bei der gestrigen Rückfahrt am 31. Januar ging schief, was schiefgehen kann: Geplant war die Abfahrt in Bonn um 17:48 Uhr (ICE 1159). Als wir bereits um 17:00 am Bahnhof eintrafen, lasen wir „wegen Bauarbeiten kein Zugverkehr“. Die Kollegen am Info-Point waren bemüht, brachten uns zu einer Straßenbahn nach Köln, informierten die Kollegen in Köln und versprachen, auch die Kolleg*innen in Spandau zu informieren, da sich meine Ankunft dort mit dem nun anvisierten ICE 655 um fast eine Stunde verzögerte. Der optimistische Bonner Kollege versicherte mir, in Spandau würde auf mich gewartet und nicht eher Feierabend gemacht. Auf meine Frage, warum mich niemand angerufen oder sonst wie informiert habe (meine Handynummer ist bei der Mobilitätszentrale hinterlegt) wurde von den Bonner Kollegen auf ein Versagen der Mobilitätszentrale verwiesen. Sie wunderten sich auch, dass mir die Verbindung überhaupt angeboten worden war, weil das Bauvorhaben schon lange geplant gewesen sei. Wer hier versagt hat, die Mobilitätszentrale oder die Bonner Kollegen oder alle, werden Sie sicher herausfinden.

Barrierefreies WC defekt

Mit etwas Verspätung kamen wir in Köln an und hatten genug Zeit, den ICE 655 zu erreichen. Wir waren bereits losgefahren, als ich feststellte, dass die barrierefreie Toilette wegen Defekts verschlossen war. Der ausgesprochen freundliche Zugchef (von Köln nach Hannover) bestätigte, dass der Zug nicht nur dieses Mal, sondern bereits auf der Fahrt zuvor defekt eingesetzt worden war – klassisches Organisationsverschulden, wie ich in jahrelanger leidvoller Erfahrung lernen musste. Ich musste die defekte Toilette trotzdem nutzen, was ausgesprochen widerlich und ekelerregend war.

MSZ Spandau nicht bereit eine halbe Stunde länger zu arbeiten, um Rollstuhlfahrerin zu helfen

Der Zugchef rief mehrmals in Spandau an, konnte aber die dortigen Kolleg*innen nicht dazu bringen, 30-60 Minuten länger als vorgesehen zu arbeiten. Stattdessen sollte ich bis zum Hauptbahnhof und mit einer S-Bahn wieder zurück nach Spandau fahren, weil dort mein Auto parkt. 

Achtung! Die Einstiegshilfe wird ausgepackt

Nachdem ich bereits durch Verschulden der Bahn etwa eine Stunde Verspätung hinnehmen musste, weigerte ich mich, weiterhin die Leidtragende zu sein. Der Zugchef hatte dann die Idee, die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe des ICE4 für meinen Ausstieg in Spandau einzusetzen. Zunächst war ich begeistert und wollte Sie fragen, warum nicht wenigstens bei Zügen mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe der Ein- und Ausstieg zu allen Zeiten möglich ist, zu denen Züge fahren.

In Hannover wechselte die Besatzung, aber auch die neuen Zugbegleiter, eine Frau und ein Mann, waren hilfsbereit und guten Mutes, nachdem der Zugchef sie instruiert hatte. Vor Spandau verzögerte sich die Fahrt wegen einer Baustelle ein weiteres Mal, so dass wir erst kurz nach 23:00 Uhr (also etwa eine Stunde später als ursprünglich geplant) in Spandau eintrafen.

Mehr zur fahrzeuggebundenen Einstiegshilfe und Aussagen von Siemens Mobility auf Bahnblogstelle.net. Hier ein Youtube Video zur Nutzung, das Bände spricht:

Das Monster sagt: Rien ne va plus

Und dann begann das eigentliche Drama: Die beiden wackeren Zugbegleiter mühten sich redlich, den Lift in mindestens sechs Arbeitsschritten aus seiner Verankerung zu lösen und auszuklappen, was ihnen nach einer gefühlten Ewigkeit auch gelang. Ich rollte zuversichtlich auf die Plattform, wo ich die nächsten 10 Minuten verbrachte: Der Lift ließ sich nicht absenken. Ich entdeckte schließlich ein Schild am Lift mit einer unverständlichen Anleitung zum manuellen Absenken. Inzwischen waren zwei weitere Bahnleute hinzugestoßen. Alle lasen, alle probierten, alle waren hilflos.

Zugstillstand – dann doch Hublift

Ein Zug mit Fahrziel Berlin Hbf fuhr auf dem gegenüberliegenden Gleis ein, und einigen, vor allem jüngeren Reisenden gelang der rasche Wechsel von unserem Zug in den noch fahrtüchtigen anderen Zug. Von Zeit zu Zeit schlug ich vor, den Hublift, der nicht weit entfernt auf dem Bahnsteig stand, heranzuholen. Zunächst wurde dieses Ansinnen mit „das dürfen wir nicht“ abgewehrt, bis ein todesmutiger Kollege den Lift schließlich holte. Ich also zurück in den Zug. Es gelang aber nicht, die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe wieder einzuklappen, so dass ich darum bat, erst einmal aussteigen zu dürfen. Die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe war draußen und ließ sich nicht einfach wieder in den Zug schieben. Es gelang endlich, durch den schmalen verbliebenen Spalt, den mobilen Lift anzulegen. Eine weitere Zugbegleiterin im Zug meinte zum Abschied, das sei wohl das letzte Mal, dass ich Bahn gefahren sei. Aber das kann ich Ihnen, liebe Bahn, doch nicht antun. Sonst erfahren Sie ja gar nicht mehr aus erster Hand, wie das wirkliche Leben von behinderten Bahnreisenden aussieht.

Wir haben den Bahnsteig schließlich gegen 23:20 Uhr verlassen können; die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe war immer noch draußen. Ob und wann der Zug weiterfahren konnte und sein Ziel erreichte, weiß ich nicht. Ich wollte jedenfalls nicht den verständlicherweise aufgebrachten Fahrgästen in die Hände fallen.

Die fahrzeuggebundene Einstiegshilfe ist keinesfalls ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst, und ich frage mich, wieso so etwas Praxisuntaugliches bestellt und in die Züge eingebaut wird. Selbst wenn sich jemand mit der Bedienung auskennen würde, dauert die Handhabung viel zu lange. Kein Wunder, dass behinderten Reisenden eher eine Fahrt verweigert wird oder sie auf lange Umwege geschickt werden, ehe jemand den Mut aufbringt, sich mit diesem Monstrum unglücklich zu machen. Die in Hannover zugestiegenen Zugbegleiter*innen hatten diesen Mut – wohl zum letzten Mal. Ich werde weiterhin Bahn fahren; andere Fahrgäste, die gestern im Zug saßen, bestimmt nicht. Die ganze Aktion schadet mal wieder dem Bahnimage und kostet wohl auch Geld. Um wie vieles einfacher wäre es da gewesen, einer*m Spandauer Kolleg*in eine einzige Überstunde zu finanzieren!

Bahn-Admin

2 Replies to “Kein Rauskommen mit Technik von Siemens”

  1. hallo. also leider ist das ja nix neues. Nur bei einem neuen Zug?! Ich würde klagen und zwar beim BVerfG, weil eine Bund-Tochter Teilhabe verunmöglicht! … Dass das Ganze im Übrigen nicht „nur“ für RollstuhlfahrerInnen schlimm ist, erlebt man als Mutter mit Kinderwagen als Fahrradfahrer oder Rentner mit Rollator auch täglich! Ja ein schwerer Rollkoffer reicht schon völlig…

  2. Das ist typisch. Wir haben so etwas bei einer Privatbagn auch erlebt. Wir kamen am Bahnhof Mühldorf an, der Lift, der den Weg zum Ausgang ermöglicht war wegen Bauarabeiten gesperrt, der Zugbegleiter weigerte sich uns zu helfen und ging heim. Ein junger Mann mit Piercing half uns die Treppe hinunter und ein Mechaniker, der die Zugbremse geprüft hatte.
    Ich habe einen entsprechenden Brief an die Zentrale geschickt und hoffe, dass der Zugbegleiter besionders „Lobende“ Worte seiner Zentrale bekam.
    Fazit: Hilfe für Behinderte ist durch Unbeteiligte eigentlich immerzu bekommen, das lässt hoffen, dass die Beteiligten davon lernen.

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